Handlung und Person Trennen

Im Alter von fünf bis sieben Jahren machen wir uns zum ersten Mal auf den Weg unabhängig zu werden. Wir beginnen die Welt nicht mehr als einen „großen Klumpen“ zu begreifen. Wir beginnen Ironie und Zweideutigkeiten zu verstehen. Später auch Zynismus. Wir entdecken, dass unsere Eltern zwei Menschen sind, die eine von uns unabhängige Beziehung haben, zu der wir keinen Zutritt haben. Wir beginnen in dem Alter „Beste FreundInnen“ zu haben. Beziehungen zu denen kein anderer Zugang hat. In der Pubertät findet das seine Zuspitzung: Die Eltern werden „so was von unwichtig“. Am liebsten wären wir schon Erwachsen und frei unser Verbindungen (Bindungen) selbst zu wählen und zu gestallten.

Gleichzeitig wächst ab dem sechsten Lebensjahr unsere Fähigkeit eine Beziehung zu uns selbst zu führen. Unser mehr oder weniger stabiles Urvertrauen aus frühen Kindertragen verschmilzt mit den gelernten Regeln aus der „Trotzphase“ zur Grundlage unseres Selbstgefühls. Wenn unsere Eltern oder andere Erwachsene es uns vorgemacht haben, beginnen wir eine lebendige Beziehung mit unserer Innenwelt. Wir spüren unsere Wünsche und regulieren unsere Gefühle. Wir verhandeln mit der Umwelt über das was wir haben wollen und das was wir geben können. Das „da Draußen“ wird „das da Draußen“ und „das da drinnen“ ist „das da drinnen“. Wir lernen zu regulieren, was von dem „da draußen“ uns „da drinnen“ berühren darf und was nicht. Jede Berührung verändert uns – deshalb versuchen wir sehr genau auszuwählen, was wir wie weit nach innen lassen.

Wenn wir Defizite aus den Phasen davor habe (Regulation oder Selbstwert) oder wir von unseren Eltern nicht in diese „kindlich glückliche Unabhängigkeit“ geleitet wurden (Partnerersatz, emotionale Übergriffe), werden wir „Drinne“ und „Draußen“ nicht gut auseinanderhalten. Kritik an unserem Umgang mit der Welt (Müll nicht runtergebracht, zu wenig Lust auf Sex) werden wir zu weit in unsere Innenwelt lassen. Aus: „Müll nicht runter gebracht“ wird dort dann: „ich bin ein unzureichender Mensch“ Wer würde dann noch zugeben können, er hätte tatsächlich vergessen den Müll runter zu bringen?

Wenn du wüsstest, wer ich wirklich bin

Paar-Samstag 18.02.2017
Information und Anmeldung unter: Paar-Samstag 18.03.2017
 

Strömungen
Bin ich bei mir? Ja – sage ich. Aber am Ende habe ich nicht bekommen, was ich will. Weiß ich noch, was ich will? Wenn der Andere im Raum ist? Einfach, wenn wir das gleiche wollen. Aber, mit Unterschieden? Gibt es überhaupt richtige Unterschiede? Ich gehe vorsichtshalber so weit weg, bis alles egal ist. Will den anderen nicht besitzen, bin nicht eifersüchtig. Glück gehabt. Werde auch nicht besessen. Ist einfach. Macht mein Herz leer. Hoher Preis.
 
Ich vergesse was ich wollte. Ist nicht so wichtig. Brauch ich eigentlich gar nicht. Na ja – vielleicht später. Wir machen Sex. Dann ist auch gut. Oder ich ziehe mich zurück. Kann kaum sagen, was ich brauche. Komm nicht ran. Er muss sieben Forderungen erfüllen – auf jeden Fall –, bis ich ihn wieder ranlasse. An meine Seele und „da unten“. Es bleiben immer sieben. Macht mein Herz leer. Hoher Preis.
 
Alles Mögliche mache ich, oder mach ich mit. Nützt aber nichts. Keine Hingabe. Langeweile, nicht ganz meins - ein Bisschen schmerzhaft, vielleicht. Stell Dich nicht so an.
 
Darf ich bleiben, wenn ich wirklich zu Dir komme?
Wird es mich zerreißen - oder wird es mich erlösen?

Märchen?

Neulich sprach ich mit einem Wiedergeborenen. Er hatte seinerzeit Selbstmord gemacht um unserer Welt zu entkommen. Die Idee, dass es "Dort" besser sei, hatte ihn nicht mehr losgelassen und so hatte er es ausprobiert. Es sei aber "Dort" noch viel unangenehmer, versicherte er mir glaubwürdig. Und er sei froh jetzt wieder bei uns zu sein. Das sei alles ein großer Schwindel mit dem Frieden im Jenseits. Das einzige was wirklich Sinn mache, sei das Leben.

Bei sich bleiben - oder wenn du wüsstest, wie ich wirklich bin

Paar-Samstag am 18.03.2017


Intimität und Begegnung werden tiefer und wahrhaftiger, je vollständiger wir uns einlassen können. Lassen wir einen Teil der Impulse weg – weil: passt grad irgendwie nicht so –, bleibt es fahl und zu hart.
In diesem Workshop geht es um unsere ganz eigenen Impulse und Wünsche. Wie können wir diese spüren und wie bringen wir sie ein? Was befürchten wir, wenn wir uns zeigen. Was machen wir mit „unlösbaren“ Gegensätzen.

Wir beginnen den Workshop mit einem Spaziergang im Wald - lassen den Alltag zurück. Sie beginnen sich zu öffnen - kommen auf leichte Art in Kontakt. Nach einem gemeinsamen Frühstück in der Praxis - jeder bringt eine Kleinigkeit mit - haben wir den Tag Zeit uns mit dem Thema Bei sich bleiben zu befassen. In der Runde, in Paaren und kleinen Gruppen. 
Beginn 8:30 - Ende gegen 19Uhr.

Ich freue mich auf eure/Ihre Teilnahme

Herzlichen Gruß
Fabian Lenné 


Information und Anmeldung unter: Paar-Samstag 18.03.2017
 


Strömungen
Bin ich bei mir? Ja – sage ich. Aber am Ende habe ich nicht bekommen, was ich will. Weiß ich noch, was ich will? Wenn der Andere im Raum ist? Einfach, wenn wir das gleiche wollen. Aber, mit Unterschieden? Gibt es überhaupt richtige Unterschiede? Ich gehe vorsichtshalber so weit weg, bis alles egal ist. Will den anderen nicht besitzen, bin nicht eifersüchtig. Glück gehabt. Werde auch nicht besessen. Ist einfach. Macht mein Herz leer. Hoher Preis.
 
Ich vergesse was ich wollte. Ist nicht so wichtig. Brauch ich eigentlich gar nicht. Na ja – vielleicht später. Wir machen Sex. Dann ist auch gut. Oder ich ziehe mich zurück. Kann kaum sagen, was ich brauche. Komm nicht ran. Er muss sieben Forderungen erfüllen – auf jeden Fall –, bis ich ihn wieder ranlasse. An meine Seele und „da unten“. Es bleiben immer sieben. Macht mein Herz leer. Hoher Preis.
 
Alles Mögliche mache ich, oder mach ich mit. Nützt aber nichts. Keine Hingabe. Langeweile, nicht ganz meins - ein Bisschen schmerzhaft, vielleicht. Stell Dich nicht so an.
 
Darf ich bleiben, wenn ich wirklich zu Dir komme?
Wird es mich zerreißen - oder wird es mich erlösen?



Termin
Sollten Sie/du Interesse haben aber der Termin nicht passt, schreiben Sie mir und nennen Sie mir Ihre terminlichen Möglichkeiten. Sollten ausreichend Paare zu einem anderen Termin besser können, verlege ich evtl. den Workshop entsprechend.

Für wen
Der Workshop ist für Paare die Klärung und Vertiefung ihrer Beziehung suchen. Für hoch verstrittene Paare ist er nicht geeignet.

Interesse und Anmeldung
Wenn Sie an einem Paar-Samstag teilnehmen möchten, setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung. Wir klären dann gemeinsam ob und wie es für Sie passt. Weiter Informationen finden Sie auf meiner Web Site unter: Paar-Samstag

Kosten
100.-€/Person
Teilnehmerzahl: 5 -8 Paare

Weitere Hinweis Paar-Samstage in 2017
Weitere Workshops sind geplant für 06. Mai, 08. Juli, 23. September und 18. November. 
    

 

 

Umgekehrtes Karma - ein nicht ganz ernst gemeinter Versuch einer Religion

Viele meiner Klienten leiden an einem inneren Leistungsdruck. Sie haben ganz hinten in ihrem Geist den Satz: "Wenn du nur genug Leistung bringst, wirst du endlich geliebt und angenommen werden". Das Ganze ist hoffnungslos und zum scheitern verurteilt. Aber im jeweiligen Moment unüberwindbar. 

Der Karma Begriff erinnert mich - in meinem auf gelegentliche religiöse Gespräche und wikipedia beschränktem Verständnis (wirklich Wissende mögen mir verzeihen, es ist für einen guten Zweck)  - an genau diesen Leistungsdruck: "Mache jetzt alles richtig sonst wirst du immer und immer wieder geboren. Kommst nie aus der Welt raus ins Nirvana hinein". Ich las mal von der Buddhistischen "Vier-Füssler-Lösung", was eine Umschreibung für Selbstmord ist. Streng verboten (in wohl allen Religionen) und die Buddhistische Strafe ist die Wiedergeburt als niedere Inkarnation z.B Hund oder Katze - Vierfüssler eben. 

Da mir scheint, dass solche Ansagen eher den Leistungsdruck erhöhen als (inneren) Frieden zu schaffen, habe ich den Karma Gedanken abgewandelt: In meiner "Religion des umgekehrten Karmas" gehe ich davon aus, dass alle Menschen es in diesem Leben so gut wie möglich machen. Sie bemühen sich. Sie ringen um Wahrheit und Authentizität. Sie sind so sozial, wie sie nur können. Und so ist es, dass sie im nächsten Leben alles das erreichen und bekommen werden worum sie hier schon ringen - es nur halt nicht hinbekommen. All der schicksalhafte Ärger diese Lebens wird im nächsten automatisch ausgeglichen. Die verzweifelt Kinderwunsch-Behandelten bekommen im nächsten Leben all die Kinder die sie sich hier gewünscht haben und ohne große Mühe. Die von ihren Eltern Geschlagenen und Alleingelassenen, werden im nächsten Leben Eltern haben die respektvoll und mit Liebe den aufblühenden Geist des Kindes halten und zärtlich fördern. Die Soldaten und Opfer der Kriege werden im nächsten Leben in Frieden leben. Die ewig scheiternden nach Partnern suchenden, werden dort eine wunderschöne erfüllende Liebesbeziehung führen (vielleicht auch mehrere). Die Sexuell-Frustrierten werden Sex haben ohne Ende, in allen gewünschten Varianten und zu allen gewünschten Tageszeiten und Orten. Auch ganz banale Dinge, wie eine New York Reise werden sich erfüllen ;-))

Die "Religion des umgekehrten Karma" schafft Platz. Sie sagt: "Mach Dir keine Sorgen - das was du brauchst und anstrebst, wirst du am Ende schon bekommen. Alles was du jetzt nicht schaffst und hinbekommst, kannst du dann nachher "Drüben" machen."

Kritiker könnten jetzt einwenden: "Dann braucht man sich ja in diesem Leben gar nicht mehr anzustrengen ein guter Mensch zu sein. Man kann machen, was mann will. 

Ja - stimmt. ;-))

Herzlichen Gruß
Fabian Lenné

Die schwersten Wege

Gegen Ende eines zweijährigen Therapieprozesses, als der Klient immer mehr und stabil "über Wasser" bleiben konnte, rezitiere er spontan dieses wunderbare Gedicht von Hilde Domin:

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird. Stehenbleiben und sich Umdrehn
hilft nicht. Es muss
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist, bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags, du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt,
und in deinem Hause
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen - und du ihre Stimmen wieder hörst
ganz nahe
bei deinem Herzen.

Hilde Domin

 

Hilde Domin, Die schwersten Wege. Aus: dies., Gesammelte Gedichte. © S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1987. Mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Autonomie und Wahrheit

Der Weg in meine Eigenständigkeit führt an vielen Stellen zu der Feststellung: "Da bin ich anders als mein Partner". Ich kann eine gewisse Zeit lang versuchen diese Unterschiede zu überspielen, aber irgendwann wird meine Sehnsucht nach Gesehen-und- Angenommenwerden, so wie ich wirklich bin, so stark sein, dass ich es wagen muss meinem Partner aufrecht gegenüber zu treten. Wird er mich so lieben können, wie ich bin? 

Etwas mehr wissen wer ich bin
Etwas mehr fühlen, dass ich bin
Etwas mehr Eigenständigkeit
Etwas mehr mir selbst genügen
Etwas mehr Interesse, so angenommen zu werden, wie bin - wie ich werde

Der Unterschied ist ärgerlich oder auch interessant aber er ist kein Grund sich zurück zu ziehen. Im Gegenteil: Wir verlassen die Rollen und Formen und vertiefen unsere Begegnungen.

10 unsensible Hinweise zu Liebe, Streit und Schicksal

Liebe Leserin - lieber Leser,
ich finde meine Hinweise recht rau - andererseits wollte ich Sie Ihnen in ihrer Klarheit nicht vorenthalten. In den anderen Blog-Einträge finden Sie meine weiche, beobachtende und fragende Seite.

  1. Hören Sie einfach auf zu streiten. Nichts kann so wichtig sein, dass Sie sich die Nächte dafür um die Ohren hauen. Schlafen Sie lieber aus und haben Sie Spaß mit Ihren Kindern.
     
  2. Fragen Sie sich ernsthaft, was Sie mit dem Streit erreichen möchten. Reden Sie sich nicht ein, dass es Ihnen tatsächlich ums Rechtbekommen ginge: Sie möchten - wie wir alle - einfach nur von Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner angenommen werden. Sagen Sie ihm (Ihr) das.
     
  3. Wenn Sie sich noch lieben, suchen Sie sich Hilfe. Entwicklung ist wirklich möglich.
     
  4. Wenn Sie nicht mehr wissen ob Sie sich lieben, finden Sie es heraus - mit allen Konsequenzen. Verschwenden Sie Ihre wunderbare Lebens-Zeit nicht zu lang mit Zweifeln oder dem falschen Partner.
     
  5. Wenn Sie ihn/sie nicht mehr lieben, gehen Sie getrennte Wege. Die Kinder werden es Ihnen danken.
     
  6. Gehen Sie auch, wenn Sie sich über lange Zeit viel mehr streiten als lieben. Egal ob sie ihn/sie noch lieben oder meinen das zu tun. Und egal wie sehr Sie finanziell verbandelt seid.
     
  7. Ihre Liebe kann einen Seitensprung überleben - zwei sind schwer - beim dritten Mal ist es mit Ihrem Vertrauen sehr sehr wahrscheinlich vorbei.
     
  8. Nehmen Sie nicht zu viel Rücksicht auf all die vielen kleinen Wenns und Aber in Ihrem Kopf.
     
  9. Wenn Ihr Partner (schicksalhaft) der Richtige ist, werden Sie sowieso zusammen bleiben. Sie können also machen was Sie wollen.
    Wenn er/sie (schicksalhaft) der Falsche ist, werden Sie eh nicht zusammen bleiben. Sie können also machen was Sie wollen.
     
  10. Sie sind ein wunderbarer Mensch und haben das Recht, Ihr Glück in der Liebe zu finden. Verkaufen Sie sich nicht unter Preis.

Herzliche Grüße
Fabian Lenné

 

 

Der Müll

"Du wolltest doch den Müll rausbringen?" (Ersatzweise: "...Mit den Kindern spielen" o.Ä.)

Was kann das für eine gefährliche Frage in einer Liebesbeziehung sein. Je nach dem ob sie vom Partner (meist wohl von der Partnerin) auf dem Du oder dem Müll betont wird, ist es eine Einladung zu einer verbalen Schlägerei oder zu einem informativen Gespräch über die Belange des gemeinsamen Haushaltes.

Das kommende Glück

Ich wartete an einem Abend der letzten August-Hitze auf meine S-Bahn, als ein junges Paar die Treppe herunter kam. Beide waren, diesem heißen Sommerabend folgend, leicht gekleidet: Ein bisschen „Hippiresk“ mit weiten Hosen, pastellfarbenen Shirts und solchen Ledersandalen, die wir früher Jesuslatschen nannten. Sie strahlten diesen wunderbaren Beziehungs-Magnetismus liebender Paare aus. Dieses freudige umeinander Kreisen ohne sich zu beengen und ohne sich zu verlieren. Ich sah zwei Menschen sich arglos lieben. 

Wirklich im Herzen berührte mich, wie sie dabei ihren wunderbaren runden Baby-Bauch zu einem Zentrum ihrer Bewegungen machten. 

Sie lachten und waren frei.

In meiner Erinnerung wurde ich wieder 25 und sah meine Freundin mit unserem Babybauch auf mich zukommen. Unsere Unbeschwertheit war ein Geschenk unseres Alters. 

Als es soweit war, führen wir als Paar zur Geburt und kamen als Familie zurück. Alles war anders. Wir waren verwandelt. Wir hatten goldenen Feen-Staub auf unseren Schultern und etwas Helles schien in uns zu leuchten. (Dass unserer Liebe dennoch nicht mehr all zu lange hielt, ist eine andere Geschichte) 

So sah ich dieses junge schwangere Paar, freute mich und wünschte ihnen, aus der Deckung meiner Gedanken alles Glück der Erde. Vielleicht schaffen sie es durch all die, ihnen noch unbekannten Strudel zu kommen, Luft zu atmen und auch nach dem tiefsten Tauchgängen wieder gemeinsam aufzuwachen. 

Das Leben war schön in diesem Moment. In der entspannten Hitze, auf dem Bahnhof.

Zu sich kommen

Abend im März

Das silberne Maisstroh vom vorigen Jahr
weht vergessen und schütter wie bleichendes Haar
auf dunkelnden Äckern im Winde.
Vom Dorfe her singt das Gesinde
die ältesten Lieder von Liebe und Tod.
Es bebt in den Pfützen das Abendrot,
und der Entenschrei schnarrt in den Auen.
Verloren im bebenden blauen
schattigen Schilfe ein Taucher weint.
Da erschreckt sich dein Herz so, als wär es gemeint
und erwartet von jeglichen Dingen.
Und leise beginnt es zu singen. 

 

Christine Lavant

Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte  ISBN (Print) 978-3-8353-1391-0
Herausgegeben und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser. 
Wallstein Verlag, Göttingen 2014 www.wallstein-verlag.de

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Erfahrungen machen

"... das eine der überraschenden Erfahrungen in der Erkenntnis liegt, das Verstehen nicht willentlich ist (obwohl es guten Willen dazu braucht), Einsicht nicht erobert werden kann, sondern von allein kommt. Und zwar nicht, wann wir wollen, sondern wann sie will. Gelassenheit und Wartenkönnen zählen daher zu den hermeneutischen Kardinaltugenden. Und auch das Wartenkönnen auf Erfahrung"

S. Kleinschmidt: Gegenüberglück

Die „mit sich selbst“ Sprache - Teil I + Teil II

"Da stehe Ich mir selbst im Weg" - jeder hat diesen Satz schon einmal gesagt und gehört. Er kommt uns selbstverständlich vor. Wenn ich mir etwas Zeit nehme und ihn genau betrachte, habe ich einen ganz normalen Satz vor mir: Es gibt ein Subjekt, ein Objekt und ein Verb. Nur dass all die Subjekte und Objekte ein und die selbe Person sind, nämlich Ich-Selbst. Wer ist dieses Ich und wer ist dieses Selbst, das sich da im Wege steht? Und was ist dann mit mir gemeint?

Es wohnen und agieren wohl verschiedene Protagonisten in meiner Seele. Einer möchte wo hin gehen - das Selbst - und einer stellt sich diesem in den Weg - das Ich. Einer möchte sich auf einen Weg machen, der andere möchte ihm dort im Wege stehen. Außerdem gibt es noch einen, der das alles beobachtet, erzählt und kommentiert. Wer hat jetzt recht, auf wenn soll ich hören? Bin ich das Ich und stehe mir damit im Weg. (Was bedeutet jetzt gleich dieses mir?) Oder bin ich eigentlich das Selbst - aber warum sage ich dann Ich und nicht Selbst zu mir? 

Und wenn ich jetzt frage: Auf wenn soll ich hören? Wem kann ich vertrauen? Wer ist jetzt wieder dieses Ich das fragt? Ist das Ich nicht eigentlich jemand, der dem Selbst im Wege steht und damit ein unangenehm bremsender Zeitgenosse? Oder ist es gut, dass da jemand bremst und mich vor unbedachten Handlungen oder Gedanken schützt? Warum will dieses Ich jetzt auf jemanden hören? Wer da drin meint es gut mit mir? 

Soll ich jetzt gehen oder mir lieber selbst im Wege stehen?

Verwirrt springe ich von Ich zu Selbst und Selbst zu Ich. Nur allein noch mehr Möglichkeiten und Informationen zu haben, hilft mir nicht weiter. Wer ist jetzt wieder dieses Mir? Ich traue mich schon gar nicht mehr Personalpronomen zu benutzen.

Also, wer ist da eigentlich am "inneren Mikrofon"? Wer hat die Hoheit zu allen zu sprechen und mich auch noch nach außen zu vertreten? Wer diktiert diesen Text? Und wer stellt all diese Fragen? 

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Lange habe ich nachgedacht, wie ich diese Verwirrung auflösen kann. Ich bin jetzt so mit mir verblieben - (oder soll ich sagen: wir sind so mit uns verblieben?): Das Ich, das sich selbst im Weg steht, ist wohl die meiste Zeit ein etwas hilfloser Pressesprecher, der von einem Problem berichtet. Das Selbst, das nicht voran kommt, ist ein Parlament, mit all seinen vielen, zum Teil kruden Ideen (Autobahnmaut, wilder Sex mit der Nachbarin oder gut bezahlte Beratertätigkeit). Der Vollständigkeit halber bräuchte ich noch einen Regierungschef, der am Ende entscheidet sich weiter im Weg zu stehen oder diesen frei zu machen. Ich hatte dabei kurz an eine Art inneren König gedacht, das aber schnell wieder verworfen. Ich müsste dann ja wieder auf jemanden hören und könnte nicht mehr machen, was ich will. 

Als letztes, ohne Sie damit noch weiter verunsichern zu wollen: Wenn es schon mit Ich und mir und selbst so schwer ist, wo da doch nur eine Person beteilig ist, wie verwirrend kann es dann erst werden, wenn zwei Ichs, mirs uns selbst beteiligt sind, z.B in dem Satz: „Ich liebe Dich“

 

Bindungssignale - oder du weißt doch, dass ich Dich liebe ...

Die allermeisten Menschen schaffen es nur schwer an einem Kinderwagen vorbei zu gehen ohne wohlwollend hinein zu schauen. Und wenn sie dann hinein schauen, ziehen sie die Augenbrauen hoch, lächeln breit, machen große Augen und sprechen laut und hoch. Sie suchen den Blickkontakt und die Aufmerksamkeit des Babys. Guckt das Baby sie an und lächelt evtl. sogar zurück, freuen sie sich und bekommen ein warmes Gefühl im Bauch. 

Sehr ähnlich verhalten sich auch liebende Partner, wenn sie sich begrüßen. Die Stimmen werden etwas höher, der Blickkontakt ist sehr wichtig. Er wird als merkwürdig empfunden, wenn ein Partner nach Haue kommt und den anderen, schon anwesenden nicht in angemessener Zeit - meist gleich beim Eintreten - zu einem Begrüßungsritual einlädt: "Hi, wir war Dein Tag - was machen die Kinder?" - hingehen, anfassen. 

Findet das nicht statt, sind beide irritiert: "Ist da was? - Haben wir gerade Ärger?" Oft merkt der Nicht-Begrüßte ein Ziehen im Bauch oder eine Enge in den Schultern. Aus den Tiefen seiner Seele kommt ein erstaunlich ernstes Warnsignal. Ein Stimmchen sagt: "Kümmern Dich da drum - hier könnte es um eurer Beziehung gehen"

Babys gegenüber fallen den meisten Menschen diese fest eingebauten und auf der ganzen Welt genau so stattfindenden Begrüßungs- und- Bindungssignale leicht. In der Liebesbeziehung - wenn die große Verliebtheit vorbei ist und anderen Dingen wieder mehr Platz eingeräumt wird (Arbeit, Kinder, Alltag) - wird es manchmal knapp.

Neben Kindern, Job und Alltag kommt bei vielen Paaren gerne folgende Kombination dazu: Ein Partner ist etwas schüchtern und introvertiert und der andere hat eine leichte Bindungsunsicherheit aus seiner Kindheit mitgebracht. Das führt dazu, dass der "Bindungsunsichere" auf Grund seiner unangenehmen frühen Erfahrungen deutliche und klare Bindungssignale braucht, während der Introvertierte genau mit dieser, nach aussen gehenden Deutlichkeit seine Schwierigkeiten hat. 
Dem Introvertierten sind die Liebesbekundungen des Unsicheren evtl. zu viel oder sogar suspekt. Der Unsichere dagegen bekommt immer etwas zu wenig vom süßen Bindungs-Nektar.

Wie ist das bei Ihnen? Woran merken Sie, dass Ihr Partner Sie liebt, auch wenn er es nicht aktiv ausdrückt? 

Nehmen Sie ich etwas Zeit und lauschen Sie in sich: "Wo und wie spüre ich die Liebe?" Machen Sie dies in verschiedenen Lebenssituationen z.B. wenn Sie zusammen fern sehen oder im Restaurant sitzen, bei Familienfeiern oder auch wenn Ihr Partner nicht anwesend ist.